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Ellen Brombacher [Quelle: junge Welt]

Den entfesselten Raubtierkapitalismus Gassi führen

Zum Wahlprogrammentwurf der Partei Die Linke zur Bundestagswahl 2021. 

In meinem Leben habe ich viele Tätigkeiten ausgeübt. In der DDR war ich vorrangig damit befasst, Menschen zu schikanieren. Das war dort so üblich. Nach der Wende konnte ich nur noch meine Telefonnummer unterdrücken.

Sodann war ich als Küchenhilfskraft in einer Kita tätig. Nach zwei Jahren befand mein zuständiges Bezirksamt, auf Grund meiner Vergangenheit sei ich meinen Kolleginnen, den Eltern und den Kindern nicht zuzumuten. Beschwert über mich hatten sich allerdings nur die Kleinen aus der Krabbelgruppe.

Nach verschiedenen anderen Tätigkeiten arbeitete ich die letzten zehn Jahre meines 46jährigen Berufslebens als Sozialberaterin für russischsprechende Klienten. Gerade in dieser Zeit lernte ich die anheimelnde Atmosphäre in der Ausländerbehörde, in allen Berliner Jobcentern und weiteren Amtsstuben kennen. Da leben unsere unverwechselbaren Werte auf wunderbare Weise. Nach fast 50 Jahren Erwerbsarbeit wollte ich mir nun eigentlich Ruhe gönnen.

Doch dann las ich den von Katja Kipping und Bernd Riexinger vorgelegten Entwurf des Wahlprogramms der Partei Die Linke zur Bundestagswahl 2021 und entschloss mich zur vielleicht pläsierlichsten Tätigkeit in meinem Leben. Ich entschied mich, regelmäßig mit dem entfesselten Raubtierkapitalismus an der Leine Gassi zu gehen.

Eigentlich wäre ich ja lieber mit dem Kapitalismus als solchem spazierengegangen. Aber: Der soll anscheinend nicht an die Leine genommen werden. Vermutlich ist er bestens erzogen, pflegeleicht und hört auf einschlägige Kommandos wie »Sitz!«, »Platz!«, »Pfötchen« oder ähnliche, sein Streben nach Maximalprofit regulierende Hinweise.

Aber – es ist, wie es ist: Ich muss halt mit dem Raubtierkapitalismus los. Der zerrt an der Leine, verhält sich aggressiv zu Radfahrern, Joggern, Zwergpinschern und diversen Insektenarten. Manchmal wird es mit ihm sehr unangenehm. Kürzlich begleitete er mich – selbstverständlich angeleint – bei einer Radtour. Ich weiß nicht, was mein entfesselter Raubtierkapitalismus plötzlich auf der anderen Straßenseite entdeckt hatte, vielleicht eine Linke-Politikerin, vielleicht eine grün angehauchte Wilmersdorfer Witwe, vielleicht auch den Papst mit seinem ideologietriefenden Ausspruch: »Diese Wirtschaft tötet«.

Mein Raubtierkapitalismus sprintete los und riss mich an der Leine mit dem Kopf zuerst über das Lenkrad. Mein Hausarzt verweigerte mir die Behandlung. Wer mit so was an der Leine spazierenginge, meinte er, gehöre in die Geschlossene. Niemand möge nun glauben, dass ich aufgebe, und mich nochmals um einen Kapitalismus als solchen bemühe, der friedlich und zutiefst demokratisch gesinnt neben meinem Rad hertrotten würde. Nein, ich arbeite hartnäckig weiter an der Bändigung des Raubtierkapitalismus.

Nachdem ich es 24.315 mal vergeblich versucht hatte, ließ er sich jüngst erstmalig auf den Hinterpfoten nieder, als ich ihm »Sitz!« zugerufen hatte. Er bekam ein Leckerli und freute sich zähnefletschend darüber.

Die Transformation hat endlich begonnen.

Verwandte Links

  1. Originalartikel: Den entfesselten Raubtierkapitalismus Gassi führen

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