Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

VVN-BdA

Dokumentiert: Rede von Martin Heinzelmann (Lokalhistoriker) auf der Kundgebung zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 2020 in Göttingen

Werte Teilnehmerinnen und Teilnehmer; ich grüße euch!

Im vergangenen Jahr musste die halbe Stadt evakuiert werden; Grund: ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Bereits vor einigen Jahre waren bei einem Entschärfungsversuch drei Männer getötet worden. Ich nehme das heute – am Jahrestag der Befreiung vom Faschismus – zum Anlass,

um kurz an eine Gruppe von Menschen zu erinnern, deren Beitrag an der Zerstörung des Nationalsozialistischen Systems von großer Bedeutung war, aber die dafür hierzulande nicht gewürdigt werden: Den alliierten Flugzeugbesatzungen, jetzt speziell den amerikanischen. Es hat mich nämlich zunehmend gestört, dass im heutigen Diskurs gerne schlicht von den Bombern gesprochen wird, die dann irgendwie wahllos deutsche Städte angegriffen hätten, und es gibt sogar die Tendenz, es noch schlimmer auszudrücken. Eine solche Darstellung folgt aber dem bereits von den Nationalsozialistischen Machthabern verbreiteten Narrativ, als von „Terrorbombern“ und „Luftpiraten“ gesprochen wurde. In Wirklichkeit stellten diese Angriffe einen ganz wichtigen Beitrag zur Beendigung des Kriegs und damit auch des Massenmords dar. Denn sie störten die deutsche Rüstungsproduktion erheblich, zwangen die Wehrmacht immer größere Ressourcen zur Abwehr aufzubieten und führten der Bevölkerung die Hilflosigkeit ihrer Machthaber vor Augen. Den Soldaten, die mit diese Flugzeugen angriffen, sollten wir für ihre Einsätze danken, auch wenn es vielleicht manchmal schwerfällt.

Nachdem das Deutsche Reich im Dezember 1941 den Vereinigten Staaten den Krieg erklärt hatte, setzten dort Überlegungen über eine Strategie ein. Eine Landung in Festlandseuropa kam zunächst nicht in Betracht. Man entschloss sich, es mit Luftangriffen auf die Rüstungsindustrie zu versuchen, ähnlich wie die britischen Alliierten sie bereits des Nachts durchführten.  Für Tagesangriffe waren entsprechende Flugzeuge in der Entwicklung, die Besatzungen – meist 10 Mann pro Maschine – wurden aus der Bevölkerung neu rekrutiert und ausgebildet. Sie starteten ihre Angriffe fern von ihrer Heimat, von England aus. Obwohl sich Erfolge zunächst nur langsam einstellten, hielt die US Air Force an ihrer Strategie fest.

Die Bombenangriffe der Alliierten trafen Kasernen, Fabriken, Infrastruktur, aber auch Wohngebiete. Sie trafen Soldaten, Funktionäre, Profiteure, Mitläufer, aber auch Oppositionelle und manchmal sogar Opfer des Regimes. So beispielsweise in Göttingen: Bei einem Angriff auf die Bahnanlagen am 1. Januar 1945 verloren 40 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ihr Leben. Luftschutzeinrichtungen hatten sie nicht benutzen dürfen.

Göttingen selbst wurde zwar mehrfach bombardiert, ein wirklich großer Angriff auf die Stadt blieb aber aus. Zu unbedeutend waren die Ziele. Ein letzter größerer Angriff auf die Bahnanlagen fand am Tag vor der Ankunft der amerikanischen Bodentruppen statt.

Für die Besatzungen der Bomber waren die Angriffsflüge alles andere als einfach. Sie riskierten dabei jedesmal ihr Leben. Dazu zwei Beispiele aus Göttingen. Ich werde das etwas ausführlicher berichten, damit anschaulicher wird, was es für die Flugzeugbesatzungen bedeuten konnte, über dem Deutschen Reich im Einsatz zu sein:

Um die Mittagszeit des 8. April 1945 hatte die 2. US Infantriedivision den Marktplatz von Göttingen erreicht. Dort kam ihnen Oberbürgermeister Gnade mit einigen Honoratioren entgegen, um ihnen die Stadt zu übergeben, die die Amerikaner allerdings bereits hatten. Das dürfte soweit bekannt sein. Es heißt weiter, die US-Truppen hätten keine Verluste bei der Einnahme gehabt. Im weiteren Sinne ist das leider falsch. Denn am Nachmittag dieses Tages spielte sich am Himmel über der Zietenkaserne heute Zietenterrassen ein Drama ab. Nach einem Luftangriff auf Ziele bei Stendal befand sich ein amerikanischer B-17 Bomber, also eine der bekannten Fliegenden Festungen, auf dem Heimflug. Die Besatzung hatte ihrer Maschine auf den Nickname „Miss Florala“ getauft, eine Zusammensetzung aus den Namen der Bundesstaaten Mississippi, Florida und Alabama, vermutlich ihre Heimatstaaten. Zu diesem Zeitpunkt war das Flugzeug schon schwer beschädigt, die Ursache ist unbekannt. Einer der vier Motoren war ausgefallen, die rechte Tragfläche brannte und die Flammen griffen auf den Rumpf über. Der Pilot riskierte ein waghalsiges Manöver, um das Feuer doch noch zu ersticken, er ging in den Sturzflug. Dabei geriet der große Bomber jedoch ins Trudeln und brach auseinander. Wie durch ein Wunder gelangen dem Funker und dem Heckschützen die Rettung mit dem Fallschirm. Die übrigen sechs Besatzungsmitglieder stürzten in den Tod. Es war die letzte Maschine des Geschwaders, die in diesem Krieg verloren ging.

Bereits ein Jahr zuvor hatte es ein ähnliches Ereignis vor den Toren Göttingens gegeben:

Am frühen Nachmittag des 22. Februar 1944 war am Himmel südlich der Stadt Maschinengewehrfeuer zu hören. Ein viermotoriger US-Bomber war auf dem Rückflug von einem Präzisionsangriff auf das Junkerswerk bei Bernburg. Die Maschine führte den Nickname „Sons o' Satan“. Jetzt war sie in großen Schwierigkeiten, denn die Besatzung hatte gemerkt, dass sich eine der ausgeklinkten Bomben immer noch im Schacht befand. Dort konnte sie jederzeit explodieren und eine Landung damit war ausgeschlossen. Mit geöffneten Bombenluken und deshalb verminderter Geschwindigkeit flog sie alleine Richtung Westen. Der Navigator war in den Bombenschacht gestiegen, um die Bombe manuell zu lösen. In dieser misslichen Lage wurde die Fliegende Festung von einem deutschen Jagdflugzeug entdeckt und abgeschossen. Fünf Mann der Besatzung konnten sich mit ihrem Fallschirm retten und gerieten für ein Jahr in Kriegsgefangenschaft. Die anderen fünf starben. Ganz besonders tragisch war das Schicksal des Navigators. Er fiel ohne Fallschirm aus der offenen Bombenluke. Kinder fanden seinen Leichnam auf einem gefrorenen Feld. Zahlreiche Schaulustige fanden sich an dieser Absturzstelle ein.

Dieser Bombereinsatz fand im Rahmen der „Big week“ statt. Einer lange vorbereiteten Luftkriegsoperation speziell gegen Ziele der deutschen Luftwaffe. Die 8. US-Luftflotte erlitt dabei große Verluste, aber sie kam ihrem Ziel, dem Erringen der Luftherrschaft, einen entscheidenden Schritt näher. Damit wurde das Schicksal des Nationalsozialistischen Deutschland besiegelt. Im weiteren Verlauf des Jahre 1944 kam seine Kriegsproduktion weitgehend zum Erliegen.

Für ihren großen Beitrag an der Befreiung verlor alleine die 8. US-Luftflotte insgesamt über Europa mehr als 6.000 Bomber. Dabei starben 26.000 Besatzungsmitglieder und 18.000 wurden verwundet.

Kurz noch zurück zu Göttingen. Es befanden sich am Kriegsende die Gräber von 10 amerikanischen und 16 britischen Besatzungsmitgliedern auf dem Stadtfriedhof. Schon in den folgenden Jahren wurden ihre sterblichen Überreste überführt. Nichts erinnert mehr an sie. Das verwundert vielleicht nicht, schließlich kommt die Rolle der US-Army in der Göttinger Nachkriegsdiskussion um einen Retter der Stadt auch nur am Rande vor. Obwohl das Schicksal der Stadt de facto einzig in ihrem Ermessen lag.

Ich möchte abschießend resümieren: Nachdem der Nationalsozialismus sich in Deutschland etabliert hatte, begann er unverzüglich seine mörderischen Pläne im In- und Ausland in die Tat umzusetzen. Und es hat dann die Welt ungeheure Opfer und Mühen gekostet, ihn wieder zu beseitigen. Das darf nicht vergessen werden.

Nie wieder Faschismus!


Kontakt

Peter Strathmann
Email: walter.noobsch.kpf (at) gmx.de

Die KPF

Die Kommunistische Plattform ist ein offen tätiger Zusammenschluß von Kommunistinnen und Kommunisten in der Partei DIE LINKE, die auf der Grundlage von Programmatik und Satzung der Partei aktiv an der Basis und in Parteistrukturen wirken.

Die Bewahrung und Weiterentwicklung marxistischen Gedankenguts ist wesentliches Anliegen der Kommunistischen Plattform.
Die Plattform tritt sowohl für kurz- und mittelfristig angestrebte Verbesserungen im Interesse der Nicht- und wenig Besitzenden innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft als auch für den Sozialismus als Ziel gesellschaftlicher Veränderungen ein.

Antifaschismus und Antirassismus sind für die Kommunistische Plattform ein strategisches politisches Anliegen, und sie wendet sich gegen jegliche Art von Antikommunismus, von wem er auch ausgehen mag.