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VVN-BdA

Dokumentiert: Rede von Andreas Nolte (VVN-BdA) auf der Kundgebung zum 76. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 2021 in Göttingen

Gedenken – Feiern - Kämpfen!

Als Tag der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht vor den Truppen der Anti-Hitler-Koalition ist der 8. Mai 1945 für die Völker Europas und der ganzen Welt ein Anlass zum Feiern, weil er ihre gesicherte Befreiung bedeutet hat!

Die deutsche Kriegsmaschinerie unter Führung der lupenreinen faschistischen Generalität wurde nach fast 6 langen Kriegsjahren und millionenfachen Todes endlich zum Stillstand gebracht!

Unterzeichnet wurde die bedingungslose Kapitulation durch das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht mit dem Kriegsverbrecher Keitel an der Spitze in der Nacht vom 8. auf den 9.Mai 1945 in Berlin Karlshorst.

Europa wurde endgültig von der Geißel eines Krieges befreit, der an Opfern und Zerstörungen kein Beispiel kannte. Er wurde von Deutschen geführt als Revanche für ihren ersten imperialistischen Weltkrieg, in dem es verharmlosend um „einen Platz an der Sonne“ unter den kapitalistischen Weltmächten ging. Für die Menschen in Deutschland bot dieser Tag, der 8.Mai 1945, die Chance auf einen demokratischen Neubeginn und friedlichen Aufbau.

Ich möchte heute aber auch auf die Ereignisse vor dem 8. Mai 1945 zurück blicken. Die Aufrüstungsprogramme Deutschlands befanden sich seit Mitte der 1930er Jahre in vollem Lauf. Die Armee des faschistischen deutschen Staates wurde 1935 neu begründet. Nachdem die Tschechoslowakei und Österreich schon 1938 von Deutschen Truppen okkupiert wurden, begann mit dem Überfall auf Polen am 1.September 1939 der Zweite Weltkrieg. Die deutsche Kriegsmaschinerie wälzte sich dann bis Mitte 1941 über große Teile West-, Nord- und Südeuropas hinweg. Millionen Menschen wurden dem faschistischen Joch schon unterworfen, kamen dabei um oder wurden, wie in allen eroberten Ländern, die jüdischen Menschen, systematisch verfolgt und fabrikmäßig ausgerottet. Die ideologische und propagandistische Basis dafür war auch damals eine Verschwörungslegende, mit all den bekannten Konsequenzen.

Am 22. Juni 1941 – vor nunmehr 80 Jahren – begann unter dem Decknamen "Fall Barbarossa" der Überraschungsangriff der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Auf 3000 km Breite wurde die „größte Kriegsmaschinerie der Menschheitsgeschichte“ (stolze Nazi-Propaganda) in Bewegung gesetzt, um nun die dort lebenden Millionen von Menschen und ihre Lebensgrundlagen in einem schnellen Vernichtungskrieg bis zum Uralgebirge entweder gleich auszulöschen oder zu versklaven und wirtschaftlich auszurauben, um „Lebensraum im Osten“ zu gewinnen. Neben dem ökonomischen das politisches Ziel: Die Vernichtung des erklärten „Todfeindes“, der Sowjetunion, also damals eben doch der gesellschaftspolitischen Alternative, und damit die Zerstörung jeder menschlichen Zivilisation in ganz Mittel- und Osteuropa.

Die faschistische Wehrmacht plante die Eroberung von Anfang systematisch unter Missachtung aller völkerrechtlichen Normen. Die Grausamkeit und die Niedertracht gegen Menschen kannte keine Grenzen mehr. Dies hatte Hitler schon in seinem Machwerk „Mein Kampf“ in den 1920er Jahren her geleitet. Die Deutsche Führung hat am 18. Dezember 1940 unter dem Decknahmen „Fall Barbarossa“ den Überfall auf die Sowjetunion beschlossen, und diesen in die Tat umzusetzen.

Dies alles ist inzwischen auch von der bürgerlichen Historiographie weitgehend erforscht und hinreichend bekannt. Aber auch die nüchterne Abbildung der historischen Wahrheiten ist unter den meinungsbildenden Historikern nicht selbstverständlich.

Da sitze ich am 14.März 2021 vor dem Fernseher und sehe bei ZDF-info eine Dokumentation mit dem Titel „Pakt der Diktatoren – Wie Hitler und Stalin den Weg in den Krieg planten“ – Hallo dachte ich! Zunächst nahm ich an, es handele sich vielleicht um eine alte Doku. aus Zeiten der Systemkonfrontation mit der Sowjetunion. Aber Nein! Das war zu einfach gedacht!

Dieses geschichtsverfälschende Machwerk kommt mit genau diesem Titel im Jahr 2020 aktuell daher. Und noch erschütternder. Es ist die junge, aber etablierte Generation bürgerlicher HistorikerInnen, die hier mit großer Selbstverständlichkeit die Geschichte verdrehen, um letztlich die Verantwortung des deutschen Faschismus für die größte Tragödie der Menschheit populärwissenschaftlich zu verklären. Damit soll die Deutungshoheit für die Ursache dieses Vernichtungskrieges aus dem Fokus der allein deutschen Verantwortung argumentiert werden. Diese ideologische Auseinandersetzung findet heute wieder in den Medien statt. Die Sperrsitze dieser Historiker bildet eine Gruppe um den Historiker Sönke Neitzel (inzwischen Militärhistoriker der Uni Potsdam), die sich auch die weitere Entlastung der Deutschen Wehrmachtführung von ihre Verantwortung vorgenommen hat.

Deshalb dazu dieses Zitat, was auf der einfachen, aber eindringlichen Wahrnehmung vieler Rotarmisten damals beruht. So berichtet Wassili Grossmann, sowjetischer Korrespondent im Frühjahr 1945:

„Es war in Deutschland, als sich unsere Soldaten zu fragen begannen, warum die Deutschen uns überfallen haben.

  • Millionen unserer Männer haben die reichen Farmen in Ostpreußen gesehen: Die fortgeschrittene Landwirtschaft, die zweistöckigen Häuser mit Strom und Gas, die gut ausgebauten Straßen.
  • Und sie alle fragten sich voller Wut. Aber WARUM sind sie nur zu uns gekommen? - Was wollten sie?“

Während der 8.Mai 1945 inzwischen weitergehend unbestritten als Tag der Befreiung - vom Faschismus - anerkannt wird und die gesellschaftliche Unterstützung für diesen als gesetzlichen Feiertag wächst, wird der Ursprung für diesen von Deutschen geführten Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion stetig versucht zu verwässern, um das Erklärungsmuster der sich schlagenden Diktatoren als zwei mit gleichen schlechten Absichten erscheinen zu lassen.

Um diesem verfälschenden Geschichtsbild nach unseren Möglichkeiten etwas entgehen zu setzen, haben wir uns als Landesvereinigung im Frühjahr entschlossen, zu diesem 80. Jahrestag eine Kampagne unter dem Titel „Aus dem Schatten der Erinnerung. Spurensuche zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Niedersachsen“ durchzuführen und vielen unser Mitglieder, Bündnispartner und Interessierten die Möglichkeit zum Mitmachen vor Ort zu geben.

Ihr und Sie sind alle eingeladen, bei unseren Kreisvereinigungen mitzumachen.

Für eine abschließende Konferenz am 3.Juli in Hannover konnten wir u.a. einen der profundesten Alternativ-Historiker, Hannes Heer, gewinnen. Er hat vor ca. 25 Jahren zusammen mit anderen HistorikerInnen die bekannte Wander-Ausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944“ entwickelt, die zehntausende von Menschen besucht haben, bis sie aufgrund einer geringen bildlichen Ungenauigkeit politisch ausgehebelt wurde. Seitdem hat Hannes Heer mit seinen Publikationen zum Vernichtungskrieg im Osten aber nicht nach gelassen.

Leider können wir zum 3.Juli – Corona bedingt - nicht alle einladen, werden unsere Konferenz aber per livestream für alle Interessierten und politische Freunde und Gegner öffentlich übertragen. (Das ist ja heute einfacher geworden.)

Die weiter wachsende Bedeutung des 8.Mai ist nicht zu unterschätzen:

In einer online-Umfrage des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst mit den Fragen

Was denken Sie? Was bedeutet der 8.Mai 1945 für Sie? Im letzten Jahr wird dieser Tag bei uns im Land so bewertet: 

  • Befreiung : 41 %
  • Sieg : 18 %
  • Neuanfang: 23 %
  • Niederlage: 12 %
  • bedeutungslos: 5 %

Das ist schon Signal genug, um ihn zum gesetzlichen Feiertag zu erklären.

Auch am heutigen 8. Mai gedenken wir der Opfer in Ehrfurcht.

Die besetzten Länder, die dort kämpfenden Partisanen, die Völker der Anti-Hitler-Koalition und ihre Truppen mussten ungeheure Opfer erbringen, bis der Faschismus besiegt wurde. Allein die Völker der Sowjetunion verloren dadurch 27 Millionen Menschen!

Am 8. Mai ehren wir auch den Widerstand gegen den Faschismus.

Der Faschismus konnte nur herrschen und seine Kriege nur führen, indem jede Opposition unterdrückt und alles geächtet wurde, was dem faschistischen Wahngebilde der Volksgemeinschaft widersprach. Für die betroffenen Menschen bedeutete das Ermordung, brutale Lagerhaft und Erniedrigung oder grundlose Bestrafung. Wir gedenken dieser Menschen in Ehrfurcht, besonders der mutigen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, die ihren Einsatz oft mit ihrem Leben bezahlen mussten!

Bald nach dem 8. Mai 1945 wurde die Anti-Hitler-Koalition zerbrochen. Als erklärter Feind kam schnell wieder die Sowjetunion ins Fadenkreuz. Unter dem Schirm der NATO hofften viele in Deutschland auf erneute Revanche. Der Antikommunismus war das Grundprinzip. Wer in der neuen Bundesrepublik dagegen opponierte, riskierte erneut Verfolgung und Gefängnis.

Seit der Auflösung der Sowjetunion sind immer mehr Barrieren gefallen. Deutsche Weltgeltung ist auch wieder militärisch! „Atomare Teilhabe“ soll dabei helfen. Die NATO hat ihr Einfluss- und Aufmarschgebiet immer weiter Richtung Russland ausgedehnt und hat sich nicht an die Zusagen, dies nicht zu tun, gehalten. Die seit Jahren wieder laufende systematische Militarisierung im gesamten NATO-Bereich ist ein automatisiertes Profitprogramm allein für die Rüstungskonzerne der Welt. Dies erhöht die Kriegsgefahr stetig. Und deshalb muss Vertrauensbildung und Abrüstung wieder das Gebot der Stunde werden.

Und auch deshalb sagen wir: Der 8. Mai muss endlich zum Nationalfeiertag erklärt werden!

Dieser Tag der Befreiung ist die Aufforderung an uns, den Schwur der Häftlinge von Buchenwald als politischen Auftrag zu verstehen (Zitat): „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Dies ist auch einer unserer Leitsätze als VVN-BdA.

Das heißt für uns, heute den Kampf gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Aufrüstung und Krieg weiter zu verstärken. Dies ist angesichts der noch wirkungsmächtigen rechtsradikalen AfD und rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten und Angriffen auf NS-Gedenkorte, wie jüngst in Nienburg geschehen, aktueller denn je.

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Andreas Nolte, Hannover Niedersachsen (VVN-BdA)


Kontakt

Peter Strathmann
Email: walter.noobsch.kpf (at) gmx.de

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Die Bewahrung und Weiterentwicklung marxistischen Gedankenguts ist wesentliches Anliegen der Kommunistischen Plattform.
Die Plattform tritt sowohl für kurz- und mittelfristig angestrebte Verbesserungen im Interesse der Nicht- und wenig Besitzenden innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft als auch für den Sozialismus als Ziel gesellschaftlicher Veränderungen ein.

Antifaschismus und Antirassismus sind für die Kommunistische Plattform ein strategisches politisches Anliegen, und sie wendet sich gegen jegliche Art von Antikommunismus, von wem er auch ausgehen mag.